Zentrale Ergebnisse der Dissertation

Zusammengesetzte Indefinitpronomen in slavischen Sprachen

Die Dissertation untersucht reihenbildende Indefinitpronomen in fünf slavischen Sprachen mit besonderem Fokus auf nichtkodifizierte und unterschiedlich stark grammatikalisierte zusammengesetzte Indefinitpronomen (ZIPs). Im Zentrum stehen ihre Inventarisierung, Grammatikalisierungsquellen, der Grad ihrer Grammatikalisierung, ihre morphosyntaktische Struktur sowie ihre Semantik und kontextuelle Distribution.

Analysierte Sprachen: Russisch (RU), Ukrainisch (UA), Polnisch (PL), Tschechisch (CZ) und Kroatisch (HR).

Gegenstand und Datengrundlage

Zusammengesetzte Indefinitpronomen entstehen in den slavischen Sprachen in großer Zahl, werden in Grammatiken und Wörterbüchern jedoch nur teilweise erfasst. Für die Dissertation wurden die Indefinitmarker korpusbasiert inventarisiert und anschließend hinsichtlich ihrer Semantik, Morphosyntax, Grammatikalisierung und Distribution untersucht. Als zentrale Datengrundlage dienen große Webkorpora der TenTen-Familie für RU, UA, PL und CZ sowie hrWaC für HR.

Die Arbeit verbindet quantitative Korpusanalysen mit manueller Annotation. Für die semantisch-distributionelle Kartierung wurden 51 Reihen ausgewählt. Zusätzlich zu gezielten Kontextabfragen wurden für dieselben Reihen Zufallsstichproben von jeweils 100 Verwendungen nach semantischer Funktion und Kontextdistribution annotiert.

Inventarisierung und Grammatikalisierungsquellen

Für die Inventarisierung wurde eine korpuslinguistische Methode entwickelt, die unterschiedliche Schreibweisen der Reihen – Getrenntschreibung, Bindestrichschreibung und Zusammenschreibung – berücksichtigt. Die dadurch gewonnenen Inventare ermöglichen erstmals einen methodisch konsistenten Vergleich der fünf untersuchten Sprachen.

Die Modifikatoren wurden außerdem nach ihren Grammatikalisierungsquellen klassifiziert. Die bekannte semantisch-etymologische Klassifikation von Haspelmath musste für das slavische Material deutlich erweitert werden. Neben etablierten Quelltypen wurden unter anderem quantitative Ausdrücke, *k-Wurzeln, Modalitätsausdrücke der Notwendigkeit, Konstruktionen des Typs ‘bekannt’ und ‘nicht’ sowie weitere slavische Bildungstypen berücksichtigt.

Grammatikalisierungsgrad

Ein eigener Schwerpunkt der Dissertation ist die korpusbasierte Messung des Grammatikalisierungsgrades. Hierfür wurde auf der Grundlage der sechs Grammatikalisierungsparameter von Lehmann ein System aus 15 operationalisierten Kriterien entwickelt. Die einzelnen Reihen erhalten daraus einen Grammatikalisierungsscore zwischen 0 und 1.

Die Auswertung bestätigt im Wesentlichen die Erwartung, dass kodifizierte Indefinitpronomen stärker grammatikalisiert sind als neu identifizierte nichtkodifizierte Reihen. Zugleich wurden in allen Sprachen nichtkodifizierte Reihen mit hohem Grammatikalisierungsgrad gefunden. Zwischen Grammatikalisierungsgrad und Frequenz zeigt sich ein positiver Zusammenhang; für die Kollokationsassoziation zwischen Modifikator und *k-Wurzel wurde dagegen kein entsprechender statistischer Zusammenhang festgestellt.

Morphosyntax

Die morphosyntaktische Analyse berücksichtigt, dass formal verwandte Ausdrücke synchron auf unterschiedlichen Grammatikalisierungsstufen vorkommen können. Anstelle einer einfachen Dichotomie präponierter und postponierter Bildungen werden vier morphosyntaktische Typen unterschieden. Die Analyse zeigt insbesondere, dass die in der Literatur vorgeschlagene Sluicing-Hypothese für präponierte ZIPs nicht als allgemeiner Entstehungspfad aufrechterhalten werden kann. Die vorgeschlagenen Entwicklungspfade beruhen stattdessen auf synchron belegten Konstruktionen und ihren Übergängen.

Integriertes semantisch-distributionelles Kartenmodell

Für die Beschreibung der Semantik und Distribution wurde ein neues integriertes semantisch-distributionelles Kartenmodell entwickelt. Es trennt die eigentlichen semantischen Funktionen der Indefinitpronomen von ihren Verwendungskontexten, stellt zugleich aber die Verbindungen zwischen beiden Bereichen dar. Zusätzlich werden präindefinite Bedeutungen, off-map-Funktionen und quantitative Informationen in ein gemeinsames Modell integriert.

specific knownspecific unknowngeneral existentialexistential quantificationuniversal quantificationfree choicerandom choice

Karten des Typs I und II

Die beiden Kartentypen beantworten unterschiedliche Fragen. Karten des Typs I gehen von gezielt operationalisierten Verwendungskontexten aus und stellen normalisierte relative Assoziationen zwischen Reihe und Kontext dar. Karten des Typs II beruhen dagegen auf Zufallsstichproben und zeigen die absoluten Häufigkeiten semantischer Funktionen und Kontexttypen. Erst ihre gemeinsame Betrachtung trennt semantische Dominanz, distributionelle Breite und relative Kontextassoziation voneinander.

Karte des Typs I

Kontextbasierte Karte mit normalisierten Assoziationen.

Semantisch-distributionelle Karte des Typs I

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Karte des Typs II

Stichprobenbasierte Karte mit absoluten Häufigkeiten von Funktionen und Kontexten.

Semantisch-distributionelle Karte des Typs II

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Zentrale Ergebnisse der Kartenanalyse

Kontext des DFG-Projekts

Die Dissertation entstand im Rahmen des DFG-Projekts „Zusammengesetzte Indefinitpronomen in slavischen Sprachen. Ein Beitrag zur semantischen Karte der Indefinitheit der zweiten Generation“ (DFG HA 2659/10-1) unter der Leitung von Prof. Dr. Björn Hansen.

Die Daten und Analysen für Russisch, Ukrainisch und Polnisch wurden von Roman Fisun bearbeitet. Die für die Dissertation verwendeten Analysen für Kroatisch stammen von Björn Hansen, die für Tschechisch von Martina Rybová, soweit im Text der Dissertation nichts anderes angegeben ist. Irina Maykova unterstützte das Projekt insbesondere bei der Vorbereitung und Durchführung von Korpusrecherchen.

Ausgewählte Publikationen zum Thema

Ausgewählte Vorträge zum Thema

Kontakt

roman [at] fisun.org